Gründen in der Provinz

Als ich nach meinem Masterstudium in Budapest 2009 zurück in meine vorherige Heimat Vorpommern kam, wusste ich noch nicht, dass ich in der nächsten Zeit zum Entrepreneur werden sollte. Dennoch spielten schon damals Überlegungen zum Standort eine Rolle, weil ich an der Greifswalder Universität die Möglichkeit erhielt, eine meiner Ideen mit Hilfe eines exist-Gründerstipendiums umzusetzen. Mit meiner zunehmenden Selbstständigkeit in der Webbranche habe ich mich mehrmals mit der Frage eines Umzugs in die Webhauptstadt Berlin herumgetragen, diesen aber aus vorwiegend persönlichen Gründern immer wieder aufgeschoben. Wie fühlt es sich also an, in der (digitalen) Provinz zu gründen?

Greifswald ist nicht Berlin

Diese Aussage ist offensichtlich, man muss sie sich aber dennoch bewusst machen. Ich schwärme regelmäßig von Berlin, der Breite an Veranstaltungen, den Projektmöglichkeiten, und und und. Doch das Klagen hilft nicht. Ein Vergleich ist praktisch auch kaum möglich, weil die beiden Standorte grundverschieden sind. Ich versuche die Vorteile von beiden Standorten zu nutzen, was dank moderner Kommunikationsmittel und nur 3-stündiger Zugfahrt kein Problem ist.

Infrastruktur

Greifswald kann in Sachen Infrastruktur nicht mit Berlin mithalten, besonders nicht im Webbereich. Obwohl die Größe eigentlich dafür spricht, die IT-Branche zu vernetzen, wurde dies bislang nur mit mäßigem Erfolg angegangen. So kommt es häufig vor, dass ich nur über Umwege von weiteren spezialisierten Webentwicklern erfahre, die einem bei bestehenden Projekten helfen könnten. Doch insgesamt ist ihre Zahl recht gering.

Auffällig ist, dass viele Kollegen oder Unternehmen der Branche, so wie ich auch, ihre Kunden von auswärts beziehen. Und das manchmal weit über die nächsten Zentren Hamburg und Berlin hinaus. Die vergleichsweise strukturschwache Region bietet einfach nicht ausreichend umfangreiche und interessante Aufträge. Zudem sind die Budgets eher bescheiden.

keine IT ohne Internet

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da wollte ich zurück aufs Dorf. Das ist vorbei, seit ich beim Besuch bei meinen Eltern keinen Empfang mit dem Handy habe und das Internet nicht nur langsam ist, sondern regelmäßig ausfällt. Dabei ließe sich der Traum vom Landleben mit einer Selbstständigkeit als Programmierer hervorragend kombinieren. In Greifswald selbst habe ich zumindest mit einem zuverlässigen und schnellen Anschluss ans Netz kein Problem. Nur auf der Zugfahrt zwischen Greifswald und Berlin ist das schrecklich.

Unterstützung erhalten

Die IT-Branche erhält sicherlich eine punktuelle Förderung, wird aber von der lokalen Wirtschaftsförderung nicht unbedingt forciert. Das hat mein vollstes Verständnis, würde es doch spätestens an den Fachkräften scheitern, hier IT-Unternehmen in der Größe von Zalando oder eBay aufzubauen bzw. anzusiedeln.

Die wirtschaftliche Ausdünnung hat aber auch den Vorteil, dass der Zugang zu staatlichen Förderprogrammen recht gut ist. Es gibt sie hier gefühlt sogar mehr als in Berlin und der Wettbewerb um sie ist geringer. So gibt es mit dem Gründerstipendium MV ein Förderprogramm, das IT-Gründer mit Hochschulabschluss für 1,5 Jahre nutzen können, um eigene Ideen umzusetzen.

Kosten gering, aber Geld fehlt

Zwar wird Greifswald beim Thema Mietsteigerungen zu Recht in einer Reihe mit Hamburg und Berlin genannt, doch ansonsten ist das Leben hier recht günstig. Mein Auto habe ich im letzten Jahr abgeschafft, weil ich es selten bewegt habe. Meine Termine erreiche ich dank privatem Car-Sharing oder mit der Bahn.

Ich bin zwar selbst nicht mehr auf der Suche nach ihnen, aber Investoren fehlen hier quasi vollkommen. Der Business-Angel-Club im Land existiert nur auf dem Papier. Kein Wunder, dass größere IT-Projekte außerhalb nach Unterstützung suchen.

fehlendes Netzwerk

Am meisten fehlt mir hier das Netzwerk. Wie schon erwähnt, ist es bisher nicht gelungen, die lokale IT-Branche vom Selbstständigen bis zur größeren Softwareschmiede zu vernetzen. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels habe ich von zwei entsprechenden Vorhaben gehört und mir vorgenommen, mich in diesem Jahr daran zu beteiligen. Die IT-Initiative MV, in der ich über die webgilde GmbH Mitglied bin, ist hier zu grob, um die lokalen Mikrostrukturen erfassen zu können.

Nachdem ich gerade im letzten halben Jahr sehr viel zu tun hatte, will ich in 2013 wieder die ein oder andere Veranstaltung in Berlin besuchen. Von dort habe ich immer die besonderen Impulse mitgenommen, und nicht selten einen spannenden Auftrag.

Im IT-Bereich würde das Gründen in der Provinz jegliche Standortdiskussion verlieren. Es ist für viele sicherlich in einer Heimatverbundenheit begründet oder ist gerechtfertigt durch die Suche nach persönlicher Ruhe. Ich würde mich freuen, wenn sich auf diesem Wege mehr IT-ler aus MV offenbaren würden. Schreibt mir doch einfach einen Kommentar.

Bildquellen

  • Einsam in der Provinz: Bildrechte beim Autor

2 Gedanken zu „Gründen in der Provinz“

  1. Hallo Thomas,
    wir haben uns heute auf der Eröffnung von Cowork Greifswald kennengelernt.

    Ich kann den Großteil Deiner Aussagen hier in diesem Beitrag nur unterstützen. Ich bin Anfang 2012 aus Berlin nach Greifswald gekommen, war vorher in Berlin einer der Geschäftsführer der Agentur „zappo-berlin.de“ und dort speziell für die das WebWorking (Internet, Datenbanken, CMS) zuständig.

    Zum Thema: „Freelancer bleiben oder Agentur gründen?“
    Hier in Greifswald will ich als freier Webworker tätig werden, um auch noch etwas Zeit für meine fotografischen Projekte erübrigen zu können und bemühe mich um Kontakte und Kooperationen.

    Im Vorfeld des Umzugs hatte ich einige Recherchen betrieben und wollte mich über die „IT-Szene“ in Greifwald informieren. Das erwies sich als nicht so einfach. Nachdem ich mir einige „Internetfirmen“ im Netz gesucht hatte, schrieb ich diese über ihren Online-Kontakt an, bot mich als Kooperationspartner an und wollte mich persönlich vorstellen. Der Rücklauf war etwas ernüchternd.
    Durch weitere Kontakte im Laufe der Zeit musste ich feststellen, dass die Möglichkeit sich hier zu vernetzen etwas schwierig ist als angenommen.

    Ich beziehe meine Aufträge auch überwiegend aus Berlin. Benötige ich Hilfe bei meinen Projekte, war ich bisher immer auf meine Kontakte in Berlin angewiesen. Ich hoffe, dass wird sich in nächster Zeit etwas verlagern.
    Aus diesem Grund ist z.B. so etwas wie das „Cowork“ eine sehr gute Idee/Initiative. Wenn sich dort im Laufe der Zeit eine rege Veranstaltungs-/Seminar-/Workshop- und Netzwerkkultur entwickelt, kann das für Greifswald und Umgebung nur förderlich sein.

    In diesem Sinne,
    viele Grüße aus Greifswald
    Jörg

    • Hallo Jörg,
      vielen Dank für deinen Kommentar und natürlich freue ich mich riesig, dass wir uns heute bei der Eröffnung des CoWork Greifswald kennengelernt haben. Ich bin nach den vielen Ideen die wir hatten wieder ganz optimistisch, dass sich die Webszene vor Ort aktiv entwickeln kann. Und wenn, dann halt erst mit Aufträgen von außerhalb, aber auf jeden Fall mit ständigem Austausch von Ideen. Unserem Themen-Abend zu CMS-Systemen sehe ich mit Freude entgegen.
      Viele Grüße
      Thomas

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