Die Kreditwürdigkeit eines Gründers liegt unter 15 EUR

Wären Gründer Länder, die von amerikanischen Rating-Agenturen bewertet würden, hätten sie die Kreditwürdigkeit von Dritte-Welt-Ländern ohne Rohstoffe, aber dafür mit Bürgerkrieg. Die folgende Geschichte ist mir im Frühjahr letzten Jahres passiert.

Ich hatte seit ein paar Wochen ein Gewerbe angemeldet und befand mich in der Vorgründungsphase meines Unternehmens New Swedish Design (www.new-swedish-design.de). Für bestimmte Aufnahmen von Möbelprototypen brauchte ich ein Teleobjektiv für meine Spiegelreflexkamera. Normalerweise kaufe ich solche Produkte, nach ein wenig Recherche, im Internet. In diesen Tagen fiel mir aber auch der aktuelle Prospekt des 2 Minuten von meiner Wohnung entfernt liegenden Media-Marktes in die Hände, in dem das Objektiv der Begierde als Angebot tatsächlich etwas günstiger war, als im Internet.

Da ich gute Erfahrung mit Internetkäufen gemacht hatte, wog ich trotz des etwas günstigeren Preises des Media-Marktes ab, aber dann entdeckte ich die 0%-Finanzierung. Normalerweise nutze ich solche Angebote nicht, weil es irgendwie doch immer mit Extra-Zeitaufwand (und den kann man sich als Gründer nicht leisten) verbunden ist, aber dieses Mal wollte ich es probieren, zumal die Vorstellung, das Objektiv noch am gleichen Tag ausprobieren zu können, natürlich äußerst reizvoll war. Also nichts wie rein in den Media-Markt und im preußischen Galopp Richtung Fotoabteilung.

Dort angekommen bin ich sofort zur freundlichen Verkäuferin, die mich mit einem verkaufsstarken Lächeln fragte, ob ich denn noch an dem einen oder anderen Zubehörteil interessiert wäre und das Objektiv versichern wolle. Als ich verneinte, druckte sie mir einen Beleg aus, mit dem ich mich jetzt nur noch bei der Kollegin melden mußte, um die Finanzierungsdetails zu besprechen, das wäre schlecht hier im Verkauf, sagte sie mir. Also auf ins Hinterstübchen. An dieser Stelle kam ich etwas ins Grübeln, aber mir war immer noch nicht ganz klar, daß es sich nicht um eine normale Bezahlung handelte.

Als ich im Hinterstübchen ankam (normalerweise haben nur Ladendiebe die Ehre diesen Teil des Gebäudes zu sehen – ich wusste nicht, daß ich anscheinend irgendwie dazu gehörte), empfing mich eine weitere Dame (ohne Verkaufslächeln) und bat mich an einen kleinen Tisch. Brav unaufgefordert legte ich in unfassbarer Naivität meine EC-Karte und meinen Ausweis auf den Tisch, weil ich die vor mir liegende Aktion legendlich für eine ganz normale Zahl-Bagatelle hielt, aber ich hatte weit gefehlt.

Nach dem also die ersten mich identifizierenden Elemente auf den Tisch lagen, fragte sie mich: Sie sind doch in einem Angestelltenverhältnis, oder? Die normale (deutsche) Antwort wäre gewesen:

Natürlich bin ich in einem Angestelltenverhältnis – was für eine absurde Frage. Ich bekomme regelmäßig mein Gehalt, auch wenn ich den halben Nachmittag am Kaffee-Automaten verbringe, zahle mein Haus ab und dazu noch einen Haufen Steuern. Schließlich wurde ich dafür ausgebildet, als Angestellter meinen Dienst zu vollrichten.

Das böse Wort „selbstständig“

Aber die Antwort lautete leider anders. Ich hatte das böse Wort „selbstständig“ gesagt. Daraufhin stellte sich die Gesichtsfarbe der (Bank)-Angestellten (oder war ich noch in einem Elektronik-Fachmarkt???) auf orange-rot ein und ihre Mundwinkel bewegten sich Richtung Erdkern.

Sie fragte mich, wie lange ich selbstständig sei. Ich überlegte eine kurze Zeit, wann ich nach meinem Umzug mein Gewerbe neu angemeldet hatte. „Seit ungefähr eineinhalb Monaten“, erwiderte ich. Plötzlich änderte sich die Gesichtsfarbe der Angestellten auf rubinrot. Die Muskeln, die ihre Mundwinkel steuerten, hatten keine Chance, eine noch tiefere Stellung einzunehmen. Mir war immer noch nicht klar, was jetzt passiert war. „Das reicht nicht!“, sagte sie. „Wie…, wofür?“ antwortete ich und sie gab mir kurz zu verstehen, daß man mindestens drei Monate selbstständig sein musste, um einen Finanzierungskredit in Form eines Leasing-Vertrags zu bekommen, weil die Partnerbank das so vorschreibt.

Es folgt mein ungefährer O-Ton.

Finanzierungskredit? Leasingvertrag? Ich möchte ein Teleobjektiv für 179 EUR kaufen und keinen S-Klasse-Mercedes und was hat das Ganze mit drei Monaten Selbstständigkeit zu tun? Im Moment habe ich noch Geld, aber ob ich das in drei Monaten noch habe (natürlich wusste ich, daß es so sein würde, aber ich versuchte das alles logisch einzuordnen…)??? Wann glauben sie, habe ich als Selbstständiger mehr Geld, jetzt oder in drei Monaten, oder glauben sie ich weiß nach drei Monaten Gründungsvorphase nicht mehr wohin mit meinen Gewinnen? Wollen sie ein paar Kontoauszüge sehen, in denen meine Liquidität dokumentiert wird? Zwecklos. Die „Bank-Vertreterin“ wich keine Haaresbreite von ihrer Position ab. Selbst meine Ankündigung, das Produkt beim Internet-Wettbewerb zu kaufen (bei dem auch als Arbeitsloser die Kreditkarte akzeptiert würde) zeigte bei ihr keinerlei Regung. Warum auch, sie hatte ja am Ende des Monats ihr Gehalt auf dem Konto.

Um sich das Ganze noch einmal auf der Zunge zergehen zu lassen, es ging um 179 EUR, zahlbar in 12 Monaten. Mir ist es als Kunde doch egal, mit welcher Bank der Media-Markt zusammenarbeitet. Mich interessiert es als Käufer eines Neuwagens mit Garantie doch auch nicht der Batteriehersteller, wenn mein Auto nicht mehr anspringt.

Nichts zu machen und wieder was dazu gelernt. Trotz genügend Geld auf dem Konto zählt hier nur der Gehaltscheck, sonst ist man nicht für 14,91 EUR (179 EUR / 12 Monatsraten) im Monat kreditwürdig. Wenn im Prospekt des Media-Markts gestanden hätte, daß man, um in den Genuss des 0%-Finanzierungsangebotes, nicht weniger als drei Monate selbstständig sein darf, wäre es ja in Ordnung gewesen. Ich wollte nicht mehr Energie verschwenden, um eine Welle zu schlagen, aber ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn ich 50 Km mit dem Auto für dieses Angebot gefahren wäre?

Die bleibende Erkenntnis ist, daß die Kreditwürdigkeit eines Gründers unterhalb der von Hartz4-Empfängern anzusiedeln ist, denn die haben wenigstens ein geregeltes Einkommen