AdBlocker – Webseitensterben vs. persönliche Freiheit

Vor knapp zwei Wochen haben große Nachrichtenportale mit einer gemeinsamen Aktion auf das Thema AdBlocker hingewiesen. Bei AdBlockern handelt es sich um Plugins für Browser, mit deren Hilfe der Aufruf von Anzeigenwerbung auf Webseiten unterbunden wird. Die Folge dieser Aktion war eine Flut an Kommentaren unter allen Artikeln, die sich mit diesem Thema befassten.

Sowohl Publisher als auch Leser warfen dabei teilweise sehr emotional mit Argumenten um sich. Als AdBlock-Nutzer und Publisher, der Geld mit Online-Werbung einnimmt, (be)treffen mich die Argumente beider Seiten. Dieser Artikel ist ein Versuch, sich dazwischen zu positionieren.

Hilfe, mein Lebensunterhalt ist weg

Die Aktion der Verlage bestand darin, Nutzern von AdBlockern einen Hinweis anzuzeigen, dass sie durch das Unterdrücken von Werbung die einzige Einnahmequelle der Online-Medien unterbinden. Hier ist also ganz klar der Verlust von Einnahmen die Mutter der Idee. Leider veröffentlichen nur wenige Verlagshäuser Zahlen zum Anteil der AdBlock-Nutzer, aber aus dem Wenigen, was ich recherchieren konnte, liegen diese bei technik-affinen Seiten bei bis zu 50%. Verständlich, dass ich als Verleger in Zeiten des Zeitungssterbens versuche, alle Register zu ziehen um meine Einnahmen zu erhöhen. Wenn ich sie durch das Abschalten der AdBlocker rein rechnerisch verdoppeln könnte, wäre ich aus unternehmerischer Sicht sogar verpflichtet, einen entsprechenden Hinweis zu veröffentlichen.

Ich verdiene meinen Lebensunterhalt zwar mit Webprogrammierung, bin aber durch Werbung auf meiner Seite www.wort-suchen.de dazu in der Lage, das Angebot auszubauen und professionelle Leistungen einzukaufen, von denen die Besucher profitieren. Da hilft jeder Euro. Wenn jetzt alle Besucher mit einem AdBlocker vorbeischauen, dann kann die Seite nicht besser werden. Das Layout wäre immer noch zweifarbig, es gäbe keine mobile Version und auch nicht mein tolles Hangman-Spiel.

Erst Inhalt, dann Werbung

Den Webseiten gegenüber stehen die Besucher mit einem AdBlocker. In den Diskussionen rund um AdBlocker gilt aufdringliche Werbung als Hauptargument dafür, sich diesen anzuschaffen. Ein weiterer Effekt ist, dass Inhalte schneller geladen werden, weil die Ladezeit für die Werbung entfällt. Hinzu kommen Bedenken zur Sicherheit und zum Datenschutz, weil sich auch Webtracking oder Social Media Plugins, wie etwa der Like-Button, mit Hilfe von AdBlockern deaktivieren lassen. Ein allgemeines Argument, das von Nutzern und Entwicklern von AdBlockern angebracht wird, ist die Demokratie im Netz. Damit ist gemeint, dass jeder selbst entscheiden kann, was er sehen möchte.

Seit einigen Jahren schon habe ich selbst einen AdBlocker in meinem Browser installiert. Ursache waren Anzeigeformen, die sich über Inhalte packen, die ich lesen wollte. Meist sind solche Popups dann auch sehr schwer zu schließen und öffnen dennoch einen externen Link.

Mein AdBlocker wird auf Seiten deaktiviert, die ich mehrfach besuche. Hinweise der Webseitenbetreiber auf meinen aktivierten AdBlocker nehme ich positiv auf, denn ich selbst denke nicht immer daran ihn zu deaktivieren. Auf meinen eigenen Seiten wird der AdBlocker natürlich auch deaktiviert. Das führte kürzlich dazu, dass ich erst spät bemerkte, dass AdBlocker ein für meine Seite, und nicht die Werbung, notwendiges Skript unterbanden und AdBlock-Nutzer daher Inhalte nicht nutzen konnten. Im Ergebnis musste ich die Seite so umbauen, dass sie jetzt für alle Besucher etwas langsamer ist. Doch der Regelfall ist das vielleicht nicht.

Ich kenne aus meinem persönlichen Umfeld auch den Fall, dass Anzeigenwerbung wahrscheinlich wirklich zu Schadsoftware führte, wobei ich die Ursache in den besuchten Seiten sehe. Seriöse Seiten sollten das Problem eher nicht bis sehr selten haben.

Ein paar Argumente

Wie schon angedeutet, halte ich die Argumentation auf beiden Seiten für sehr emotional. Publisher und Besucher fühlen sich bei diesem Thema in ihren jeweiligen Grundrechten angegriffen. Dabei ist die Gruppe der Nutzer naturgemäß größer und kann sich häufiger artikulieren. Scheinbar haben die meisten Portale ihre Hinweise auch schon zurückgefahren, um sich wieder mehr ihren Inhalten als der Diskussion widmen zu können. Einige Argumentationen, die wahrscheinlich von AdBlock-Nutzern kommen, möchte ich gerne noch aufgreifen, um einerseits die emotionale Überzogenheit darzustellen, andererseits aber auch das Fünkchen Wahrheit in ihnen zu sehen.

Verdient euer Geld mit etwas anderem!

Dieses Argument halte ich für traurig. Es lässt entweder vergessen, dass Webseitenbetreiber in der Masse nicht große Konzerne sind, sondern Menschen, die dank Anzeigenwerbung ihr Hobby zum Beruf machen konnten und jetzt Inhalte erstellen, die andere gerne nutzen. Natürlich gibt es andere Geschäftsmodelle neben der reinen Anzeigenwerbung, aber diese ist die einfachste. Gerne würde auch ich auf Anzeigenwerbung verzichten, stecke aber meine Zeit lieber in guten Code und Inhalt, statt ins Klinkenputzen oder in einen Online-Shop, selbst wenn es da vielleicht sogar mehr zu holen gäbe. Der Verkauf von Links oder Artikeln ist auch nicht im Sinne zumindest guter journalistischer Inhalte. Meine Seite geht mir vor! Dennoch werde ich mich erneut mit dem Thema auseinandersetzen.

Wenn ihr … dann würde man …

Im Anschluss an das erste Argument habe ich häufig auch Bedingungen nach dem Wenn … dann Muster gelesen. Z.B. Wenn ihr bessere Inhalte liefern würdet, dann würde man sie auch bezahlen. Als Kommunikationswissenschaftler fällt mir dabei auf, dass mit man nur eine anonyme Masse referenziert wird, aber der Kommentator nie sich selbst als potentiellen Käufer sieht. Wer ist also wirklich bereit direkt zu bezahlen? Ich habe entsprechende Pläne für meine Seite schon lange aufgegeben, nachdem, auch als es noch keine Werbung gab, niemand auf einen der Spenden-Button gedrückt hat.

Webseiten sind ohne Werbung schneller und übersichtlicher

Ja, das sind sie. Ich würde mich riesig freuen, wenn ich auf Anzeigenwerbung verzichten könnte. Meine eigene Seite, die ich sehr intensiv nutze, läuft auch mir zu langsam und ich weiß, dass eine schnellere Seite bei Google besser gelistet wäre. Konsequenz: ich habe schon vor einer Weile auf zusätzliche Banner verzichtet und suche nach Strategien, auf noch weitere Banner verzichten zu können. Zumindest gibt es bei mir keine Banner, die Inhalte blockieren. Selbst Sonderformate wie besonders große Banner können auch Nutzer ohne AdBlock deaktivieren. Sowas habe ich bisher auf keiner anderen Seite gesehen.

Ich klicke doch eh nicht…

Es wird in der Diskussion immer wieder Fernsehwerbung angeführt, die man ja ignoriert, weil man die Pausen zu verschiedenen menschlichen Bedürfnissen nutzt. Stimmt, aber trotzdem gibt es die Pausen. Wenn sich Werbung auf Webseiten nicht über den Inhalt legt, dann kann sie auch ignoriert werden. Ich selbst habe mit AdBlocker irgendwann sinnvolle Werbehinweise vermisst und die Werbung bei Google wieder aktiviert, weil sie sich als sinnvoll herausstellte.

Vielleicht liegt eine Ursache vieler Kommentare auch darin, dass die Benutzer von AdBlock nicht wissen, dass es auch Werbeformate gibt, die nach Einblendungen bezahlt werden. Entsprechend müssen sie gar nicht auf diese klicken oder sie überhaupt beachten und tun den von ihnen besuchten Seite dennoch etwas Gutes.

Man müsste die Werbung anders gestalten.

Viele Kommentatoren fordern, dass Werbung weniger aggressiv sein sollte. Am besten gleich die Werbeindustrie revolutionieren? Ich bin dafür! Ich fürchte aber, dass sich die Grabenkämpfe eher verstärken werden und die Werbemittel entweder aggressiver oder hinterlistiger werden. Am Ende verlieren wir alle dadurch. Ich vermute auch, dass viele Nutzer ihren AdBlocker einfach an lassen und sich, wie die vielen Kommentare zeigen, durch Hinweise genervt fühlen. Wie sagen selbst die Entwickler von AdBlock Plus:

If we ask users to enable this feature then most of them won’t do it — simply because they never change any settings unless absolutely necessary. (Quelle)

Ein weiteres Zitat von einem Bekannten möchte ich gerne unkommentiert ans Ende stellen.

Hätte ich gewusst, dass die Frankfurter Rundschau pleite geht, hätte ich den AdBlocker bei denen ausgeschaltet.

PS: es gibt keine öffentlichen Zahlen zur Verbreitung von AdBlockern und der Anteil wird wohl auch themenabhängig auf jeder Seite unterschiedlich sein. Mein Interesse an solchen Zahlen war so groß, dass ich den BlockAlyzer entwickelt habe, der aktuell auf verschiedenen Seiten zum Testlauf aktiviert ist.

Bildquellen

  • AdBlocker-Titelbild: Bildrechte beim Autor

1 Gedanke zu „AdBlocker – Webseitensterben vs. persönliche Freiheit“

  1. Ja, da war was los letzte Woche. Und es hat den Anschein, dass die Diskussion jetzt noch aggressiver geführt werden wird, denn nun sind noch mehr User auf die Werbeblocker aufmerksam geworden. Mal sehen wohin das noch führen wird.

    Den BlockAlyzer schau ich mir mal an, klingt interessant.

    Wenngleich ich bei einigen Projekten anhand der Browser schon erahnen kann, um welchen Nutzertyp es sich handelt. Erschreckend oft begegegnen mir in den Statistiken noch alte IE-Versionen. Und die haben ganz sicher kein AdBlock installiert. 😉

    Grüße aus Hamburg,
    Ralf

Kommentare sind geschlossen.